Stressabbau

Lehren ohne Worte,
Wirken ohne Tun. 

Netzwerk Achtsame Wirtschaft

Ein Erfahrungsbericht von Doris Kirch

Am 26. Februar 2011 hatte Dr. Kai Romhardt zu einem Achtsamkeitsseminar des Netzwerks Achtsame Wirtschaft nach Hamburg eingeladen.
(Mehr Infos über die Seminarausschreibung am Ende dieses Berichts)

Ich war einer der 14 Teilnehmer, die alle über eine mehr oder weniger lange und tiefe Meditationserfahrung verfügten. Da wir im DFME seit etlichen Jahren über die „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ das Prinzip der Achtsamkeit an Führungskräfte und in Unternehmen bringen, interessierte mich der kollegiale Austausch sehr. Ich war gespannt darauf, zu hören, auf welche Weise andere Praktizierende eine Kultur der Achtsamkeit ins Business bringen, wo sie möglicherweise an Grenzen stoßen und welches ihre Erfahrungen sind. Die Seminarausschreibung (s.u.) lies für mich vermuten, dass dies dort auch geschen würde.

Der Tag ähnelte dann aber eher einem Meditations-Sesshin und wurde im Meditationsraum auf Zafus sitzend, im Wesentlichen im Schweigen abgehalten. Gleich zu Beginn meditierten wir eine Stunde lang, dann gab es eine kurze Vorstellungsrunde und anschließend redete Dr. Romhardt, unterbrochen von kurzen Meditationen, bis 14 Uhr über Achtsamkeit und verschiedene Meditationspraktiken. Das Mittagessen wurde ebenfalls in schweigender Achtsamkeit verspeist, hinterher praktikzierten wir eine Stunde Geh-Meditation im Freien, um anschließend weiteren Ausfürungen des Seminarleiters zu lauschen und eine angeleitete Metta-Meditation zu üben. Anderthalb Stunden vor Ende der Veranstaltung gab es eine Arbeitseinheit darüber, wie wir uns mit unserer Achtsamkeitspraxis in unserer Organisation sehen. Die Arbeitsergebnisse wurden nacheinander von jedem einzelnen vorgetragen. Es gab auch an dieser Stelle keinen Austausch und das Seminar endete mit einer weiteren Meditation.

Meine Erwartung an das Seminar hat sich nicht erfüllt, denn ich hatte einen lebendigen Austausch mit Gleichgesinnten erwartet. Wieder einmal mehr wurde mir klar, wie groß die Kunst ist, eine Brücke zwischen Achtsamkeitspraxis und Arbeitspraxis zu schaffen.
Ich habe Dr. Kai Romhardt, der Wirtschafts- und Organisationswissenschaft studiert hat und Dharmalehrer des von Zen-Meister Thich Nhat Hanh gegründeten Zen-Ordens „Intersein“ ist, als freundlich und authentisch empfunden. Nach meiner Erfahrung ist jedoch genau dieses hohe, nach außen getragene Maß an Achtsamkeit, die gemessenen, würdevollen Bewegungen, das langsame, bewusste Schreiten, das allgegenwärtige milde Lächeln auf dem Gesicht etwas, das Führungskräfte, die noch keinen Kontakt zur Praxis hatten, an Guru-Tum erinnern und erschauern lässt.
Was in einem Sesshin oder Retreat als Zeichen innerer Verwirklichung gilt, wirkt im Management eher weltfremd und irritierend. Will ich dort Gehör finden, brauche ich das Einfühlungsvermögen, mich auf mein Klientel einzulassen, ihm zu zeigen, dass ich ein Teil von ihm bin – und nicht ein von außen kommender, "weltfremder Exot", der unsensibel versucht, anderen „sein Ding“ aufzudrücken. Und wer dies auf eine Art tun kann, ohne sich zu verbiegen und seine Praxis zu leugnen, der weiß, warum ich es eine „Kunst“ nenne, Achtsamkeit in der Wirtschaft zu integrieren. Genau das ist der große Drahtseilakt: Ein Teil dessen zu werden, mit dem ich mich umgebe und dennoch ich selbst zu bleiben.
Meine persönliche Meinung ist, dass sich Achtsamkeit zum Beispiel beim Essen nicht nur darin zeigt, dass ich nach jedem Happen die Gabel wieder auf den Teller zurücklege und ganz bewusst kaue, bis sich die Speise verflüssigt hat. Ich kann durchaus auch einmal reden, wenn mein Mund noch nicht vollständig leer ist – wenn ... ich mir bewusst bin, was ich da tue! Das äußere Zelebrieren ist sichtbar gemachte Achtsamkeit, aber es ist nicht der Kern von Achtsamkeit, denn Achtsamkeit ist eine Frage von Bewusstsein - und ich "kann" sie nach außen sichtbar werden lassen, "muss" es aber nicht.

Wenn wir Achtsamkeit in die Wirtschaft bringen wollen, dann sollten wir die Tatsache, dass diese Praxis aus dem Buddhismus stammt, nicht zu frontal vor uns her tragen und die Interessierten nicht zu heftig mit der Nase darauf stoßen. Auch wenn der Buddhismus für mich eine Lebenshaltung und keine Religion ist, assoziieren viele Menschen letzteres damit und befürchten, indoktriniert zu werden. Dass man eine Achtsamkeitspraxis auch losgelöst vom buddhistischen Kontext leben kann, zeigt der Mediziner Prof. Jon Kabat-Zinn mit seinem MBSR-Programm. Wer sich in seiner Achtsamkeitspraxis zu Hause fühlt, wird vielleicht ganz natürlich den Wunsch nach mehr Tiefe verspüren, und hat dann die Freiheit, sich den buddhistischen Lehren zuzuwenden. In der Öffentlichkeit herrscht derzeit eine erfreuliche Offenheit der Achtsamkeitspraxis gegenüber. Wir sollten uns die Tür, auf deren Schwelle wir gerade stehen, nicht selbst vor der Nase zuschlagen.

Ich war sehr an einem kollegialen Austausch interessiert, der bei diesem Seminar leider nur in der Pause stattfand. Eigentlich war ich erschöpft und hätte mich gerne ein wenig in der Zendo hingelegt, aber die dreiviertelstündige Pause nach dem Mittagessen war die einzige Möglichkeit zum direkten Erfahrungsaustausch und für Diskussionen und so opferte ich sie. Auf diese Weise mit den anderen in Kontakt zu treten, empfand ich als angenehm und hilfreich.

Einge Überlegungen zur Optimierung solcher Veranstaltungen:

  • Für die Zukunft wünsche ich mir von solchen Veranstaltungen, dass in der Vorankündigung klarer ausgedrückt wird, was dort passiert. Denn hätte ich gewusst, dass dort überwiegend meditiert und Wissen vermittelt wird, das mir seit über zwei Jahrzehnten bestens bekannt und vertraut ist, hätte ich nicht an dem Seminar teilgenommen.
  • Solche Veranstaltungen sollten teilnehmerorientierter sein: Es ist eine Verschwendung kostbarer Zeit und Energie, langjährig Praktizierenden zu erklären, was Achtsamkeit ist und wie man meditiert. Vielleicht sollte man Veranstaltungen für interessierte Laien und für erfahrende Praktizierende getrennt anbieten!?
  • Ich wünsche mir eine teilnehmergerechte Moderation: Weniger ellenlange Monologe des Seminarleiters und dafür mehr lebendigen Austausch mit den Teilnehmern, die ebenfalls alle ihre Praxis ins Business bringen (möchten).
    (Zitat meines alten Rhetorik-Lehrers: "Mädchen, Sie können über alles reden ... nur nicht über zwanzig Minuten!" ;o)
  • Wenn ich zu einem Seminar gehe, möchte ich gerne auf einem Stuhl sitzen und vor mir einen Tisch haben, auf dem ich meine Unterlagen ablegen, mitschreiben und etwas zu trinken abstellen kann.
  • (Bei uns im Fachzentrum finden die Seminare in einem Seminarraum mit Stühlen und Tischen statt und für Meditationseinheiten ziehen wir uns in den angrenzenden Meditationsraum zurück. Das bewährt sich sehr gut.)
  • Ich fände es wunderbar, bei solch einem Seminar bewusstes Reden und tiefes Zuhören zu üben und zwischendurch kurze Meditationseinheiten einzufügen, um den erregten Geist wieder zu beruhigen.
  • Grundsätzlich sollte auch bei solch einem „Arbeitstreffen“ die Achtsamkeit im Bewusstsein gehalten werden. Jedoch würde ich es angemessener empfinden, dort nicht die strengen Regularien eines Meditations-Sesshins anzulegen.
  • Mir fehlte bei der Veranstaltung auch die Erwähnung des MBSR-Programms (Stressbewältigung durch Achtsamkeit) von Jon Kabat-Zinn. Denn er zeigt außerordentlich pragmatische Wege auf, um Achtsamkeit im Alltag - und damit auch im Berufsalltag zu integrieren.
Unabhängig davon, dass meine Vorstellungen und Bedürfnisse an dieses Seminar nicht erfüllt wurden und ich mir für kommende Veranstaltungen einen anderen Ablauf wünsche, habe ich diesen Tag in einer warmen, wohlwollenden und freundlichen Atmosphäre verbracht und möchte dafür noch einmal sowohl Dr. Kai Romhardt als auch den übrigen Teilnehmern meinen tiefen Dank ausdrücken.

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Auszüge aus dem Seminar-Flyer:

Achtsamkeit in der Organisation und Arbeitswelt
Ansätze für Organisationen und Unternehmen, die dem Leben dienen
Ein Achtsamkeitsseminar des Netzwerks Achtsame Wirtschaft

NETZWERK ACHTSAME WIRTSCHAFT
Das Netzwerk „Achtsame Wirtschaft“ vermittelt und entwickelt das Potenzial buddhistischer Lehren für die verschiedensten Bereiche unserer Wirtschaft. Zu diesem Zwecke werden Seminare und Retreats durchgeführt, Publikationen verfasst und Initiativen ergriffen.

ACHTSAMKEIT IN ORGANISATIONEN TRAGEN
Wie kann der Funke der Achtsamkeit von Einzelnen auf Gruppen oder ganze Organisationen überspringen? Wie können wir unsere wertvollen Erfahrungen in größere Gruppen einbringen? Wie kann der Schatz der Achtsamkeitspraxis in Organisationen getragen werden?
Im Netzwerk Achtsame Wirtschaft haben wir inzwischen einige Erfahrungen mit den Möglichkeiten und Grenzen der Achtsamkeitspraxis in Organisationen und Unternehmen gesammelt. Aus diesen Erfahrungen wollen wir schöpfen.

THEMEN DES SEMINARS
In diesem Achtsamkeitsseminar werden wir folgende Fragen stellen:
• Wie kann Achtsamkeit in den Arbeitsalltag integriert werden?
• Welche Schritte können wir als Einzelne, als Gruppen und als größere organisatorische Einheiten tun, damit unser Umfeld gesundet?
• Was kann von anisationen gelernt werden, die Achtsamkeit ins Zentrum ihres organisatorischen Handelns stellen?
• Welche Instrumente und Interventionsmöglichkeiten haben sich in Organisationen bewährt? Welche Möglichkeiten und Grenzen haben sie? Auf welchen Ebenen setzen sie an?
• Welche Auswirkungen hat die Kultivierung von Achtsamkeit auf Zielsysteme, ethische Grundsätze und die gesamte Unternehmenskultur?
• Wann bin ich so weit, um Achtsamkeitsmethoden mit meiner Organisation zu teilen?

In diesem Seminar werden wir durch kontinuierliche Achtsamkeitspraxis eine Atmosphäre kollektiver Achtsamkeit erzeugen. Wir werden uns darin üben achtsam zu gehen, zu sitzen, zu sprechen, zu essen, zuzuhören und immer wieder in die Realität des Augenblicks zurückzukehren. Die Möglichkeiten achtsamer Intervention sind vielfältig und hängen maßgeblich von unserer eigenen Praxis, unserem Mut und unserer Entschlossenheit ab. Hier will das Seminar inspirieren, vernetzen und neue Wege aufzeigen. Das Seminar kann uns darin unterstützen, heilsam auf die Organisationen einzuwirken, denen wir in unserem Berufs- oder Privatleben dienen. Sei es als Berater, Mitarbeiter, Führungskraft, Mitglied oder Kunde.

Netzwerk Achtsame Wirtschaft:
http://www.achtsame-wirtschaft.de/netz.html
 

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